Grüne Mamba

Ganz stolz präsentiere ich euch hiermit meine erste KURZGESCHICHTE.

Diese schrieb ich sehr spontan für einen Kurzgeschichtenwettbewerb - zum Schiller Zitat "Der gebildete Mensch macht sich die Natur zum Freund" - den der Internationale Bodensee-Club ausgeschrieben hatte. Die ersten drei Plätze wurden mit einem Preisgeld belohnt.

Ich war 4. So haarscharf am Preis vorbei. Das hatte mich schon sehr mit Stolz erfüllt. War es doch ein spontaner Versuch auf ganz neuem Gebiet. Für mich als reine Autodidaktin ist der 4. Platz unter mehreren Hundert echt gigantisch. :-)

Gerne teile ich mein Kurzgeschichten-Erstlingswerk nun mit euch. Viel Freude damit.

Grüne Mamba

 

Alles um ihn herum war grün. Über ihm Grün, neben ihm Grün, unter ihm Grün. Blätter, Farne, Sträucher, Halme, alles grün. Hellgrün, Dunkelgrün, Ockergrün, gelbliches Grün und bläuliches Grün. Hatte er jemals so viel Grün gesehen? Und noch viel wichtiger: Hatte er jemals die vielen unterschiedlichen Schattierungen einer einzigen Farbe wahrgenommen? Die Kleider klebten ihm am Körper, er roch seinen Schweiß, fühlte seinen schnellen Atem über sein Kinn huschen und glotze völlig benommen in das grüne Grün. Eben noch war ihm als hörte er seltsame, ihm unbekannte Rufe. Nun war es völlig still.  Erdrückendes Schweigen hüllte ihn ein. Doch der Wald lebte. Immer wieder huschten Schatten über ihm vorbei. Tanzten auffordernd und lockten ihn zum Spiel. Etwas schien durch `s Geäst zu fliegen. Er starrte unablässig. Er starrte ins Grün und versuchte dem Etwas mit dem Blick zu folgen. Doch seine Augen wollten ihm nicht gehorchen. Wie Scheinwerfer glotzten sie unablässig starr geradeaus in das Blätterdach, welches sich in der Hitze wie eine riesige Bettdecke über ihn legte. Doch er fror. Verflucht noch mal, ja er fror. Er schlotterte am ganzen Körper. Er spürte wie sich jedes seiner Haare auf dem Handrücken aufgestellt hatte. Wie warnende Wächter auf einer Stadtmauer. Bereit für den Kampf mit dem Gegner. Doch für seinen Gegner kamen sie zu spät. Dämliche Haare.

Da, da war es wieder. Das Rauschen und Zucken im Geäst. Nun endlich erkannte er es auch.

 

Wie groß musste es wohl sein? Von hier unten sah es nicht größer aus, als eine Katze. Ja, braunes Fell. Genau wie seine Katze Mo zu Hause. Zu Hause. Himmel, geliebtes Zuhause. Heiß durchflutete es ihn. Sein Körper zitterte noch heftiger. Zu Hause. So weit weg. Ein winziger Fleck auf Erden. Eine Stadt. Ein Haus. Ein Garten mit Pool. Eine Frau. Eine Katze. Sein Zuhause. Herr Gott! Das Leben hatte es so gut mit ihm gemeint! Sein Haus ein Erbstück der Familie. Seine Frau ein Juwel. Beide liebten sie schnelle Autos und große Feste bei großen Leuten. Was wollte er mehr? Den Ferrari in der Garage hatte ihm sein Chef spendiert. Ja, mit Belohnungen für gelungene Geschäfte hatte seine Firma noch nie gespart.

 

Er fährt. Vollgas. Sein Lieblingssong dröhnt in die Nacht hinein. Liv schenkt ihm verstohlene Blicke. Er fühlt ihre heiße Hand zwischen seinen Beinen. Lust. Alles in ihm schreit nach Lust. Nach wildem Begehren. Hektisch fährt er den Wagen an den Straßenrand. Schon hält sie sein nacktes, verlangendes Glied in ihren zarten Händen. Drückt. Massiert. Er stöhnt, er schreit...

 

Schreie, schrille Schreie rissen ihn aus seinem Fiebertraum. Panik breitete sich in ihm aus. Nun waren es seine Schreie, die durch die Schwüle jagten. Hektisch gegen die Blätter prallten, um in Sekundenschnelle wieder auf ihn zurück zu schmettern. Er spürte, dass er immer weniger spürte. Das Taubheitsgefühl eroberte sich immer mehr von ihm. Mit verschwommenem Blick beobachtete er, wie rote Kleckse neben ihm ins Grün fielen. Jetzt erst nahm er auch das Braun dazwischen wahr. Ebenso das Schwarz und das Gelb. Eine Spinne rannte über seine Fingerspitzen. Flucht?! Oh ja, auch er wollte fliehen. Er musste fort von hier. Sofort. Zurück zum Hotel. Zur Besprechung. Mister Lewis erwartete ihn.

 

Das Meeting. Jetzt war es wieder da, dieses erhabene Gefühl. Er hatte es geschafft. Der Milliarden-Deal war unter Dach und Fach. Sein Flug war schon gebucht. Westafrika. Kongo. Wow! Und er war der Auserwählte. Er war Derjenige, der vor Ort die Besprechung der Einzelheiten zur erforderlichen Waldrodung durchführen durfte. Danach noch ein paar Tage Sun&Fun in Südafrika. War er jemals glücklicher gewesen, als in diesem Moment?! Wohl kaum. Sein ganzer Körper vibrierte vor Glück. Tosender Beifall erklang. Das Blut pochte bis in seine Ohren und es vermischte sich allmählich mit einem Rauschen. Weit, weit weg. Doch es kam näher. Immer näher. Er wollte es nicht. Nein, nicht das Rauschen. Nicht das Rauschen. Aufhören, schrie es panisch aus ihm heraus. Nein!!! Ich will es nicht!!!!

 

Er wurde sich seiner wieder gewahr. Ein Häufchen Elend, was auf der Dschungel-Erde lag. Halb gelähmt, halb blind, halb taub, halb tot. Wie lange er schon hier lag vermochte er nicht mehr zu sagen. Sekunden nur, Minuten oder gar Stunden? Sein Kopf war leer. Wieder marterten sich diese Schreie in seine matschigen Hirnwindungen.

 

Und da, plötzlich sah er ihn. Den Schatten der durch die Bäume jagte. Nun saß er direkt neben ihm. Er sah, wie der Affe ihn anblickte mit seinen braunen, durchdringenden Augen. Warum war er gekommen? Warum zu ihm? Ausgerechnet zu ihm? Ihm war, als wüsste das Tier um alles. Dennoch hüllte es ihn zärtlich mit seinen Blicken ein. Er streckte den linken Arm nach ihm aus, doch auch dieser gehorchte ihm nun nicht mehr. Seine Kehle brannte und er japste nach Luft. Der Affe wich nicht von ihm. Seine Finger bohrten sich mühsam in den feuchten Boden. Er schloss die Augen. Die Nässe und Schwere der Erde taten ihm gut. Er hatte das Gefühl, Stück für Stück darin zu versinken. Wie wohlig sich das anfühlte, wie geborgen. Das Moos und die Farne schienen ihn zu streicheln. Besänftigend hielten sie ihn im Arm. Sie schmiegten sich um ihn, wurden ihm Hülle und Schutz.

 

Aus weiter Ferne hörte er seine Mutter rufen. Junge, Mittagessen ist fertig. Nein, noch nicht jetzt. Nicht jetzt Mama. Sein Kopf ruhte auf dem weichen Gras, sein Hund drückte sich an ihn, über ihm spielten die grell-grünen Blätter des Kastanienbaumes auf strahlendem Blau. Sie spielten mit Sonne und Wolken „Ich mache dich dunkel, ich mache dich hell“. Junge... Die Schreie erreichen ihn wieder. Nun komm schon. Wo steckst du denn nur? Ich weiß es nicht Mama. Ich weiß nicht wo ich bin. Irgendwo. Dort, wo es gerade so schön ist. Und Jacky ist bei mir. Der liebt es hier auch. Wir bleiben noch eine Weile. Sanft schmiegt er sein Gesicht in das Fell des Tieres. Nicht wahr mein Jacky?! Hier ist es schön. Hier bleiben wir noch ein wenig. Alles um ihn herum war grün. So grün. So schön grün.

 

 

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