La Gomera 2018

Still war es die drei Wochen auf der Bananeninsel. Vermeintlich still. Still im Sinne von wenig ereignisreich. Doch rückblickend war es vielleicht doch gar nicht so still, wie ich denke.

 

Im Grunde war vieles anders, als gewohnt.

 

Beginnen wir damit, dass meine Tocher - mittlerweile 12 Jahre alt, pubertär und willensstark wie eh und je - mit dabei war. Dass sie dabei war, war nicht neu. Aber, dass es drei Wochen innerhalb der Schulzeit waren, das war ungewöhnlich.

Wir hatten frei gefragt und letzlich frei bekommen. Leicht war es nicht. Wir hatten wohl mehr Glück als sonst irgendwas. Der Himmel war mit uns. Die Bedingung war allerdings, dass Isabella täglich zwei Seiten Mathe und zwei Seiten  Deutsch in einem Übungsheft zu erledigen hatte. Gut, wir nahmen es in Kauf und zogen es durch. Wir. Genau. Denn ohne mich ging gar nichts. Wir befassten uns also täglich mit Groß- und Kleinschreibung, im Speziellen mit "Verben werden zu Substantiven und Adjektive werden zu Substantiven" und "das und dass". Das Ergebnis war famos. Isabella kann sich an nichts erinnern (Was mich nicht wirklich wundert, denn sie hatte so was von null Bock auf die Sache. Sie folgte schlicht der Aufforderung: "Rein würgen, wieder auskotzen und danach schnell wieder vergessen", wie es so ähnlich von Bertrand Stern einmal ausgedrückt wurde). Ich als ihre schreiblustige Mutter hingegen habe einiges in Sachen Grammatik dazu gelernt. Herrlich :-)

 

Ganz beachtlich und erwähnenswert finde ich die Reaktionen vieler Menschen darauf, dass Isabella außerhalb der regulären Ferienzeit frei bekommen hatte. Die Schule also für drei Wochen nicht besuchte. Ich wundere mich doch sehr über die Kleingeistigkeit von so manchem. Egal, ob innerhalb der Familie,  im Freundeskreis oder ganz Fremde, die Schulpflicht ist in vielen deutschen Köpfen, wie das Wort schon sagt, absolute, allerheiligste Pflicht. Nie im Leben würden solche Personen auf die Idee kommen, überhaupt während der Schulzeit frei zu fragen. Dies wurde mir mindestens zwei Mal auch so direkt gesagt. Die Gehirnwäsche unseres Kontrollstaates funktioniert also bestens. Wie kann ich mich glücklich schätzen, mir die Freiheit zu nehmen, ab und an mal über den Tellerrand hinaus zu blicken und groß und weit zu denken und zu handeln...Gott ich danke dir für diese Gabe!

 

Das Wetter. Ja, das Wetter war auch sehr ungewöhnlich. Kühler als sonst. Viel Regen.

Das gab es seit mehr als zehn Jahren nicht mehr, habe ich mir sagen lassen. Vielleicht gab es das noch nie. Ich weiß es nicht. Der Klimawandel wird wohl auch vor den Kanaren nicht haltmachen.

Jedenfalls war mein Freund ab Ende Januar für  sechs Wochen auf der Insel und hatte im Grunde nur die letzten fünf Tage das übliche, sonnenreiche und warme Kanarenwetter.

Ich und meine Tochter reisten am 16.02. an und nach ca. 1 1/2 Wochen sehr durchwachsenen und regenreichen Tagen hatte das Meer plötzlich über Nacht den Sandstrand verschluckt. Dies ist ein regelmäßig wiederkehrendes Phänomen dort. Mal bringt das Meer Sand mit und mal raubt er ihn der Playa wieder.

Es war Hochwasser und die Wellen trieben riesige Brocken mit sich an Land. Sie schleuderten sie teils über die Uferpromenade und brachen mit ihrer Wucht Teile der Ufermauer ab. Sogar ein Filmteam eines kanarischen Fernsehsenders war vor Ort, um live zu berichten. Und ich spreche von nicht ereignisreich....

 

Einen einzigen größeren Ausflug hatten wir gemacht. In den Süden der Insel. Unser  Ziel war ein Tal, indem Dr. Jürgen Seggelke, Zen Meister aus Berlin und Betreiber des Berliner-Zen-Blog (http://yudoblog-b.blogspot.de/2018/02/gomera-zen.html), einen alten Schafstall gekauft hat, den er gerade zu einem kleineren  Zen-Zentrum umbauen lässt. Leider waren wir nicht wirklich auf die katastophalen Straßenverhältnisse vorbereitet, so dass wir nach einem drittel des Weges kehrt machen mussten. Wir wussten zwar, dass das letzte Stück der Wegstrecke ein Schotterweg war, doch durch den vielen Regen war die Strasse teilweise weggespült worden und recht große Steinbrocken zwangen zum ZickZackfahren. Nach einiger Zeit beschlossen wir wieder umzudrehen. Mit unserem normalen Mietwagen hätten wir es nie und nimmer bis ans Ende geschafft. Vollkasko hin oder her. Übernachten mitten in der Wildnis und ohne Proviant kam für mich und Claus nicht in Frage. Meine Tochter sah das natürlich etwas anders ;)

Weit unten unser unerreichbares Ziel...Lo del Gato

Fotos knipsen, während der Automotor verschnauft

Endlich wieder auf relativ gut befahrbarer Strasse...

Eine sehr schöne Begegnung hatten wir eines abends im Valle in der Gomera Lounge mit einer Berliner Fotografin.

Susanne war sehr angetan von Isabella und bot uns ein Fotoshooting an.

Daraus entstanden viele wundervolle Fotos. Hier mal eins zur Kostprobe.

(Auch das Foto von uns dreien, ganz oben am Anfang des Artikels, ist von ihr)

Susanne ist schon viel gereist und auf ihrer Webseite gibt es unter anderem auch einige großartige Lanschaftsaufnahmen zu bewundern. Ihre große Leidenschaft sind aber Hochzeitsfotos, wie sie uns verraten hat. Alles einzusehen unter www.sannesart.de.

Viel Freude beim Stöbern! Es lohnt sich.

 

Vieles war anders als sonst, sagte ich zu Beginn. So auch mein Gesundheitszustand. Nicht, dass ich es nicht gewohnt bin, mich reglmäßig mit meinen körperlichen und seelischen Leiden auseinanderzusetzen. Doch so intensiv wie die letzten Monate war es noch nie.

Seit Oktober habe ich einen Bandscheibenvorfall  in der Halswirbelsäule und ich habe das Gefühl, dass es im Grunde nie mehr so werden wird wie zuvor, bin ich doch noch immer sehr eingeschränkt und körperlich beeinträchtigt. Ich war heilfroh, dass meine Tocher mich auf der Hinreise nach La Gomera so toll unterstützt hatte. Nicht einmal einen Rucksack darf und kann ich tragen, geschweige denn einen Koffer. Aber es waren viele liebe Helferlein unterwegs, so dass alles völlig unproblematisch verlief.

Mit der Wärme nahmen dann langsam auch die Schmerzen ab. Vorsichtig musste ich trotzdem sein. Kein Über-die-Felsen-klettern mit meiner Tochter, keine Wanderung, kein Wasserkanister-Schleppen (ein Punkt, auf den ich natürlich eher gut und gerne verzichten konnte ;)), kein Mit-den-Wellen-spielen.

Ja, es ist anders. Und für mich eine große Herausforderung, nicht alles machen zu können was ich möchte und vor allem, sehr oft auf Hilfe angewiesen zu sein. Aber ich übe mich einmal mehr darin Geduld und Vertrauen zu haben. Schwierige Aufgabe für mich. Dabei sollte ich mich nicht beklagen. Es gibt Menschen, die sind noch viel schlimmer dran, als ich. Viel viel schlimmer.

Ein lieber Freund von mir zum Beispiel. Auch er ist derzeit noch auf La Gomera und wir trafen uns zwei, drei Mal. Er hat schon mehrere Bandscheibenvorfälle hinter sich. Sie sind Jahre her und noch immer präsent. Mit Schmerzen, mit Bewegungseinschränkungen und mit Taubheitsgefühl. Seinen erlernten und geliebten Handwerksberuf musster er deshalb schon früh aufgeben. Seine Lunge ist aufgrund der damaligen Tätigkeit auch irreparabel geschädigt. Von seinen sechs Wochen auf den Kanaren hat er viele Tage nur im Bett gelegen. Krank war er die ganze Zeit. Dennoch hat er gearbeitet. Mantra-Mitsing-Konzerte veranstaltet. Das ist das wovon er lebt. Oft habe ich das Gefühl, dass er mehr überlebt als lebt. Zumindest in finazieller Hinsicht hat er es sehr schwer übner die Runden zu kommen.

Um so erstaunlicher ist die Tatsache, dass er sich trotz allem ein fröhliches Gemüt beibehalten hat. Das ist die wahre Kunst!

Diese seine Worte haben mich tief bewegt:

"Es kommt darauf an, trotz aller Widrigkeiten in der Liebe und im Vertrauen und in der Dankbarkeit zu bleiben. Wir können immer den tieferen Grund für Krankheit suchen, wir können auch (vermeintlich) fündig werden, Blokaden auflösen, Seminare, Workshops, Psychologen, Heiler usw. besuchen. Manchmal auch Heilung erfahren. Wenn sich die erwünschte Heilung aber trotz allem nicht einstellt, oder sogar immer neue Krankheiten dazu kommen, werden die Selbstzweifel immer größer (Was mache ich nur falsch? Ich bin nicht richtig, so wie ich bin.) und die Abwärtsspirale hört nicht mehr auf. Machmal ist die einzige Aufgabe vielleicht nur die, zu erkennen, dass es Dinge gibt, die der Mensch nicht ergründen kann und auch nicht in der Hand hat. Sie sind wie sie sind und es gilt sie anzunehmen. Damit zu sein. Das ist das einzige was mir hilft."

 

Was so war wie immer, war meine Faszination für das Meer. Nach wie vor liebe ich es, ihm einfach nur zu zuschauen.

Was dieses Jahr anders war, war, dass der wilde Ozean mich manchmal geängstigt hatte. Abends in der Dunkelheit holte er regelrecht meine Angst hervor und sie und er wurden eins. Daraus entstanden zwei Gedichte. Hier eines davon.

 

 

 

 

 


Schwarze Nacht
und Finsternis
Da draußen
Und ebenso
was in meiner Seele
spricht

Donnergrollen
des Ozeans
Wellen schlagen
düster an
zerbersten
gnadenlos
Den Tod
im Schoß

So wütet
meine Angst
in mir
zerfleischt mich
wie ein
wildes Tier

Frisst mich auf
leckt das Blut
meiner Lebenskraft

Und ich zerschelle
wie die Welle
Bin dahin gerafft.

 

Die drei Wochen mitten auf dem Atlantik vergingen wie im Flug. Ich hätte es gut und gerne noch ein paar Wochen dort ausgehalten, doch am 9. März flogen wir wieder nach Deutschland zurück. Und was soll ich sagen, auch beim Rückflug war etwas anders. Noch nie hatte mein Flugzeug Verspätung. Doch dieses Mal gleich zwei Stunden. Anstatt um 16:30 Uhr hoben wir dann erst um 18:30 Uhr Richtung Heimat ab. Mit Dauervollgas (auch der Flug-Kapitän wollte schließlich endlich mal Feierabend machen) schafften wir es dann sogar in knapp 3,5 Stunden statt 4,5. Um halb eins nachts ging für uns eine 16-stündige Heimreise zu Ende.

 

Geliebtes La Gomera, ich hoffe du erwartest mich auch 2019 wieder. Mein großer Wunsch ist es, nächstes Jahr nicht nur dort zu sein, den Winter zu verkürzen und Vitamin D zu tanken, sondern dort auch intensiv zu arbeiten. Zu Schreiben.

Mal sehen was das Leben für mich bereit hält...

 

Macht es gut ihr Lieben.

Auf bald.

 

Alexandra

 

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