Es lebe die Freiheit!

Ausschnitt "nackt abstrakt" von A.A.
Ausschnitt "nackt abstrakt" von A.A.

Vielleicht ist es dir schon aufgefallen: Ich bin eine Sonnenanbeterin. Und am liebesten genieße ich das Sonnenlicht und die Wärme auf meiner nackten Haut.

Für mich bedeutet das Freiheit und Lebenslust. Nackt unterm freien Himmel zu liegen, den Wind zu spüren, ins Wasser zu gleiten, darin zu schwimmen, damit eins zu werden. Für mich fühlt es sich nackt anders an als angezogen. Purer, intensiver, verbindender, lustvoller...

 

Leider gibt es in Radolfzell keinen FKK-Bereich. Nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt gehe ich im Sommer zum Schwimmen und Relaxen in ein Bad, indem es eine Ruhezone gibt. Hier fühle ich mich wohl und immer wohler, denn die Zeiten ändern sich und die Menschen, die hier her kommen, auch. Noch vor einigen Jahren war der Ruhe-Bereich ein reines Frauen-Bad, noch erhalten geblieben aus den alten Zeiten um 1900 rum, wo Männer und Frauen und Familien jeweils in einem separaten Teil baden mussten. Unglaublich, aber so war das. Heute ist wieder alles gut durchmischt. Frauen und Männer jeden Alters und auch Kinder. Und ich habe den Eindruck, dass hier viele ähnlich Gesinnte sind. Ich kenne und weiß von einigen mit spirituellem Hintergrund.

 

Noch vor ungefähr  15 Jahren aber, waren tatsächlich nur Frauen anzufinden. Meist schon sehr betagt und auf Ruhe bedacht. Da meine Mutter - noch eine der jüngeren Generation Angehörende - dort aber oft zum Schwimmen war, besuchten auch meine Schwester und ich sie ab und an hier. Auch wir fühlten uns im Frauen-Bereich mit der Zeit recht wohl. Einfach weil wir unsere Ruhe hatten und weil ich hier ungestört oben ohne liegen konnte. Ich hatte das irgendwann einfach gemacht. Ganz mutig und revolutionär. Und ich war erstaunt. Nie hatte eine ältere Dame etwas zu mir gesagt, sich beschwert oder empört geschaut. Was sie darüber dachten oder auch heute noch denken, weiß ich natürlich nicht. Aber das ist auch egal. Ich und mein oben ohne wurde akzeptiert. Ja, ich kann sogar behaupten, dass ich bei den Damen beliebt war und bin. Ich wurde stets nett begrüßt, man unterhielt sich freundlich mit mir, mir wurden Komplimente für mein Aussehen gemacht und zeitweise wurde ich mit Kuchen oder Sonstigem beschenkt.

Alles war also bestens. Komisch, oder? So viel Verständnis für Freizügigkeit hätte ich den alten Damen damals gar nicht zugetraut. Schön, dass ich mich getäuscht hatte!

Als ich dann eines Sommers schwanger war und im Frühjahr darauf mit meiner süßen Tochter wieder im Frauen-Ruhe-Bereich auftauchte, störte sich tatsächlich auch niemand daran. Man kann es sich vielleicht nicht vorstellen, doch auch das war recht revolutionär! Noch nie zuvor hatte es eine junge Frau mit Baby gewagt, in diesen Bereich des Bades vorzudringen. Zumindest nicht, dass ich wüsste. Ich war vermutlich die Erste die den Mut dazu hatte. Im Grunde war es für mich eine sehr leichte Entscheidung. Dies war mein Sommer-Stammplatz, der Ort an dem sich unsere Familie  gerne traf und der Ort an dem ich stets Willkommen war. Die älternen Damen mochten mich. Ich gehörte irgendwie hier her. Und nun gehörte auch mein Kind zu mir und hier her.

Dennoch konnte ich Anfangs nicht ganz sicher sein, ob es akzeptiert würde. Doch es wurde. Ich hatte nichts zu befürchten. Im Gegenteil wir wurden herzlich Willkommen geheißen. Meine Tochter war der heimliche Star und alle waren sehr interessiert an uns und unserem Befinden. Über all die Jahre hinweg. Auch heute noch - 12 Jahre später - leben einige wenige dieser alten Frauen noch - und sind stets hoch erfreut meine Tochter zu sehen und wissen alte Geschichten über sie und ihre Groß-Werden zu berichten.

Sie hatten also Freude daran, mein Kind aufwachsen zu sehen. Es beglückte sie irgendwie, Teil davon sein zu dürfen. Vielleicht war es so ja auch mit dem oben ohne. Vielleicht beglückte sie insgeheim auch dies? Vielleicht teilten sie meine Freude an der Freiheit? Vielleicht gönnten sie sie mir zutiefst und wurden so auch Teil davon. Holten vielleicht nach, was ihnen in ihrer Jugned versagt blieb?

 

Miniaquarell A.A.
Miniaquarell A.A.

Mit meiner Offenheit, meinem freundlichen Wesen und meinem Mut habe ich also im Nachhinein eine große Veränderung in einem festgefahrenen System erreicht. Das freut mich total und macht mich auch ein wenig stolz. Ebenso die Tatsache, dass ich durch meine Art auch andere Frauen dazu gebracht habe, sich frei zu fühlen. Noch heute muss ich schmunzeln, wenn sich wieder eine neue Frau mit mir oben ohne solidarisiert. Es bewegt scheinbar etwas in ihnen, wenn sie mich so sehen. Sie scheinen dann den Mut zu finden, es mir gleich zu tun. Alleine würden sie sich vielleicht nicht trauen, doch wenn Frau zu zweit, zu dritt oder zu mehreren ist, geht das. Ich freue mich wirklich über jedes weitere Paar neuer nackter Brüste  im ehemals konservativen Seebad :-)

 

Es lebe die Freiheit!

 

Alexandra

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