Frühlingserwachen

 

 

Tief beeindruckt stand Petri unter dem gelben Kelch der Osterglocke und blinzelte nach oben. Leuchtend  hob sich die prächtige Blüte vom Blau des Himmels ab und dem kleinen Grasmann wurde so richtig warm ums Herz. Er streckte die Arme gen Himmel und ließ sich vom goldenen Licht begießen, sog tief die klare Morgenluft ein und genoss die milden Winde, die ihn an seinen nackten Ärmchen, sowie im Gesicht streichelten. Endlich war es Frühling geworden.

Mit einem Mal sah er einen klitze kleinen, sich bewegenden Schatten, oben auf der Blume.

Im nächsten Moment lugte ein ihm bekanntes Gesichtchen über den Rand der Blüte und aus dem Schatten wurde ein Freund. Phillipus-Paulus Pünktchen, eine Feuerwanze. „Hey Petri, lange nicht gesehen.“ Der Käfer krabbelte weiter. Den Stiel hinab, über Petris` Grashaare, seine Wangen kitzelnd bis auf den Arm des Grasmannes. Der begutachtete ihn nun aus nächster Nähe und schenkte ihm ein breites Lächeln zur Begrüßung. „Stimmt“, sagte er. „Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen. Einen ganzen langen Winter lang nicht. Geht es dir denn gut?“ „Na klar, und wie! Die Sonne lacht und wir Käfer, wir sind aufgewacht...hihi“, kicherte der Kleine. „Und wie geht es dir Petri? Erzählst du mir eine Wintergeschichte? Ja? Bitte, bitte!“

 

So setzte sich der Grasmann zwischen all die bunten Blumendamen und berichtete Phillipus-Paulus von dem kleinen verletzten Reh und dem Schnee-Spaß mit dem Hasen Carla, auf deren Rücken er eine Rampe heruntergeschlittert war, die die Kinder gebaut hatten. Die Sonne schickte wärmend ihre Strahlen auf die beiden her nieder. Bestimmt lauschten auch die Blumendamen Petris´ Worten, obgleich sie ihre hübschen Köpfchen unentwegt dem Licht entgegen streckten.

 

„So mein Freund, nun muss ich aber weiter. Eugenie erwartet mich. Wir wollen wieder tanzen heute. Zur Melodie der Spieluhr, du weißt schon...aber, psst..“ Petri grinste und hielt den Zeigefinger über die Lippen. Das Käferlein verstand, krabbelte abwärts und verschwand zwischen dem Kies an der Hauswand.

Ja, die Spieluhr. Welch ein Glück, dass Eugenie irgendwann einmal diesen Fund gemacht hatte. Immer mal wieder flatterte die Elster zu Petri ans Ufer hinüber und sie verabredeten sich zum gemeinsamen Tanz im Wäldchen. So auch heute. Oft durfte Petri auf Eugenies Rücken dorthin fliegen. Doch heute morgen wollte Petri wandern. Es war doch sooo wunderwunderschön gerade. Narzissen, Osterglocken und Löwenzahn strahlten gelb aus dem saftigen Grün der Wiese hervor, die kleinen Gänseblümchen-Mädchen mit ihren zarten weißen Kränzchen lächelten schüchtern der Sonne entgegen, Tulpen in rot, lila, weiß und gelb standen edel auf ihren langen Stielen im Sonnenlicht und die Ersten, die sich nach dem Winter trauten ihre bezaubernden Gesichter wieder zu zeigen, waren die bunten Primelchen. Schritt für Schritt glitt Petri durch das Blumenmeer, tanze er durch das feuchte Gras und lächelte und strahlte und pfiff und summte er. Bald schon erreichte er den Seerosenteich. Ob die Frösche noch Winterschlaf hielten? Hören konnte er jedenfalls nichts und auch als er direkt am Wasserrand stand und sich tief über den Rand beugte, konnte er nur sein eigenes Spiegelbild im Wasser sehen. Nun erinnerte er sich freudig an den letzten Sommer, als das Mondmädchen Rosa-Luna in einer Vollmondnacht geboren wurde. Wo sie wohl steckte? Plötzlich erblickte der Grasmann etwas Neues links neben dem Seerosenteich. Eine riesige Stadt aus Ufer- und Kieselsteine...

 

 

Copyright Alexandra Anvari

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